Perfektionismus beim Reiten – Druck für Pferd und Reiter

Sobald ich mich in sozialen Netzwerken umschaue, sehe ich perfekte Dressurlektionen, korrekt untertretende Pferde, tolle Haltung von Pferd und Reiter, einfach perfekte Bilder. Oder eben das genaue Gegenteil: eingeschnürte Pferdchen, verfettete Ponys und schlecht bemuskelte Tiere, die viel zu dicke Reiter tragen. Aber darum soll es heute nicht gehen.

Wenn ich mich umschaue, wird mir überall Perfektionismus vorgezeigt. Alle können perfekt reiten, auf ihren perfekten Pferden und sehen dazu noch perfekt aus. Das ist es doch, was uns gezeigt wird. Wo sind die „normalen“ Freizeitreiter? Wenn die sich nämlich zeigen, wird sofort an allem rumgemäkelt. Das passt nicht, das sieht nicht gut aus und sowieso kann derjenige ja überhaupt nicht reiten!

Bei mir hat sich irgendwie im Kopf eingebrannt, dass auch ich perfekt sein muss. Sowieso wird von jemandem, der ganze VIER PFERDE hat, erwartet, dass er ein top Reiter ist. Wieso sonst sollte jemand soooo viele Pferde besitzen, wenn er sie nicht richtig reiten kann? 

Ganz ehrlich: diesem Perfektionismus, der sich in meinem Kopf verfestigt hat, kann ich aber nie gerecht werden. Ja, ich mache Fehler. Ja, ich bin kein perfekter Olympia-Reiter und ja, trotzdem kann ich meine vier Pferde über alles lieben und gut für sie sorgen. Und dennoch lässt es mich nicht los, dass ich so gut wie möglich werden muss. Ich mache mir selbst einen enormen Druck damit, der sich beim Reiten natürlich sofort auf mein Pferd überträgt.

Mir ist es mittlerweile schon sehr oft passiert, dass ich eine Übung absolut korrekt und perfekt reiten will und es dann eben doch nicht zu hundert Prozent richtig war. In mir baut sich dann immer mehr und mehr Druck auf und ich mache meinem Pferd immer mehr Druck, damit wir die Übung endlich richtig machen. Das hilft natürlich keinem von uns und so wird das Pferd immer unruhiger und unsicherer. Das Ende vom Lied ist dann, dass die Übung immer schlechter wird und Pferd und Reiter mit einem sehr schlechten Gefühl heraus gehen. 

Man sollte sich an dem Punkt einfach fragen, ob man denn überhaupt in der Lage ist perfekt zu reiten. Und das kann ich eindeutig mit Nein beantworten. Ich lerne immer noch, jeden Tag. Meine Pferde auch. Wir KÖNNEN die Aufgaben also vielleicht noch gar nicht korrekt reiten und trotzdem verlange ich es von uns. Weil ich mir durch Medien und soziale Netzwerke habe einreden lassen, dass man sich nur als perfekter Reiter blicken lassen darf. Das ist doch völliger Blödsinn!

Ich für meinen Teil muss also wieder mehr zur Ruhe kommen und mein Ding machen. In meinem Tempo und in dem Grad, wie ich es eben kann. Mich ärgert es selbst auch, dass ich diesen Perfektionismus so verinnerlicht habe und diesen Druck dann eben auch an meine Pferde weiter gebe. Lasst euch also nicht verunsichern, wenn ihr dieses oder jenes (noch) nicht könnt. Gebt euer Bestmögliches und seid zufrieden mit euch selbst 🙂 

Leicht gesagt, aber enorm schwer umzusetzen! Ich werde es jedenfalls versuchen….Wie seid ihr denn bei dem Thema? Macht ihr euch selbst auch soviel Druck oder seid ihr da relaxter als ich?

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2 comments

  1. Mein Kommentar zu Perfektionismus beim Reiten!
    Durch Zufall bin ich gerade auf diese Seite gestoßen! Und ich bin sowas von begeistert von diesem tollen Beitrag! Endlich mal jemand der mir aus dem Herzen spricht. Mir geht es nämlich ganz genauso. Geblendet von den tollen perfekten Bildern , arbeitet man gegen sich selbst, man wird komplett verunsichert und macht sich Druck.
    Dank diesem wunderbaren Artikel kann ich mich wieder erden und sehe mich bestätigt ! Und , was ist denn überhaupt perfektes Reiten? Das ist als Sinnfrage gemeint.
    Vielen vielen Dank !

    1. Ich finde es gut, dass auch andere Reiter – so wie Du – das ganze Thema mal ein wenig reflektieren. Und wie Du schon sagst: man arbeitet nur gegen sich selbst und hilft seinem Pferd damit nicht. Schön, dass auch andere so ähnlich denken, wie ich 🙂
      Liebe Grüße!

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